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Der ursprüngliche Siedlungsschwerpunkt im
Raum Lingen lag im heutigen Altenlingen. Der Bischof von Osnabrück besaß dort
vor der Jahrtausendwende in der Nähe eines Emsübergangs eine Grundherrschaft.
Was diesen Ort interessant machte, war seine Lage im überörtlichen Verkehrsnetz.
Von Jütland herkommend überquerte hier die "Flämische Straße" die
Ems.2 Sie traf
dabei auf die "Friesische Straße",2
die dem Fluß folgend Westfalen mit der
Nordseeküste verband. Hinzu kam der Verkehr auf der Ems. Diese war das ganze
Mittelalter hindurch mindestens bis Meppen, häufig auch bis Rheine schiffbar.

Historisches Rathaus mit Marktplatz
Im Jahre 975 trug Bischof Liudolf von Osnabrück dem mit ihm verwandten
Kaiser Otto II. seinen Grundbesitz in Lingen zu Lehen auf in der darüber
ausgestellten Urkunde wird der Name Lingen (Liinga) erstmals erwähnt.

Die Lookenstraße, heute Konrad - Adenauer - Ring
Unter Kaiser Lothar III. (1125 - 1137) wurden die Grafen von Tecklenburg
im Raum Lingen Nachbarn des Bischofs von Osnabrück. Sie zogen sich jedoch
schon bald aus der Furtsiedlung zurück und gründeten 2,5 km flußaufwärts auf
dem hochwasserfreien Plateau zwischen Mühlenbach und Ems, wo sie ebenfalls
einen Hof besaßen, eine neue Siedlung, auf die der Name Lingen überging. Im
Jahre 1150 war diese Entwicklung zu einem gewissen Abschluß gelangt. Die
Tecklenburger verkauften in diesem Jahr ihren Hof in der nun Altenlingen
genannten Furtsiedlung an den Bischof von Osnabrück. Gleichzeitig mit der
Gründung und dem Ausbau der neuen, besser zu verteidigenden Siedlung muß auch
die Verlegung des Emsübergangs 4 km flußaufwärts erfolgt sein.
Etwa 1225 plante Graf Otto offensichtlich, das neue Lingen zur Stadt auszubauen.
Im Jahre 1227 vereinbarten die gegen ihn verbündeten Bischöfe von Köln und
Osnabrück, daß sie nach einem Sieg über den Grafen von Tecklenburg die Einkünfte
aus Zoll, Münze und Gericht in Lingen teilen wollten, gleichgültig ob das Dorf
Lingen von ihnen zur Stadt gemacht werde oder in seinem jetzigen Zustand
verbleibe. Lingen besaß damals also, obwohl es noch Dorf (villa) genannt
wurde, bereits städtische Qualitäten. Zu unterscheiden sind zwei Siedlungskerne:
die vorstädtische Siedlung in der Nähe der Ems und der südöstlich davon gelegene,
wohl burgähnlich befestigte Haupthof. Zu der geplanten Stadtgründung durch
die beiden Bündnispartner kam es jedoch nicht. Die Tecklenburger arrangierten
sich schon bald mit ihren Gegnern und beließen Lingen in seinem vorstädtischen
Zustand.
Erst mit Beginn des 14. Jahrhunderts mehren sich die Anzeichen für eine
Weiterentwicklung Lingens zur Stadt. Die Urkunden berichten von einem
Markt in Lingen und Lingener Maß. Die Grafen von Osnabrück stellen
auswärtigen Kaufleuten Geleitsbriefe für einen ungehinderten Besuch der
beiden Lingener Jahrmärkte (1. Mai und 21. Oktober) aus. Im Jahre 1314 war
das Lingener Marktrecht Vorbild für den neu eingerichteten Markt in
Friesoythe. Parallel dazu erfolgte der Ausbau zum Verwaltungsmittelpunkt.
Darauf weist die erste Erwähnung von Lingener Burgmannen (1320) und eines
Amtes Lingen (1322) hin.

Lingener Marktplatz
Die entscheidenden Schritte auf dem Weg zur Stadt machte Lingen in den
Jahrzehnten vor der Mitte des 14. Jahrhunderts. Damals dürfte auch die
Lücke zwischen der Vorsiedlung nahe der Ems und dem Haupthof geschlossen
und der mittelalterliche Grundriß der Stadt mit seinen drei Toren
vollendet worden sein. Auf die drei Stadttore nimmt das 1394 erstmals
belegte Stadtsiegel Bezug. Eine Stadtrechtsverleihung ist nicht direkt
überliefert. Doch wird im Privileg für Bevergern von 1366 an zwei Stellen
ausdrücklich auf das an Lingen verliehene Recht hingewiesen. Das Lingener
Stadtrecht von 1401 ist keine Erstverleihung, sondern eine Zusammenfassung
der seit etwa 1300 gewährten Freiheiten.

Lingen, Burgstraße mit dem Amtsgericht
Ein weiteres Indiz für die städtischen Qualitäten Lingens im 14.
Jahrhundert ist die Ausgestaltung des Kirchenwesens. Pfarrechte werden
1250 erstmals urkundlich erwähnt. Sie stehen zunächst wohl noch mit der
Kirche in der Vorsiedlung in Verbindung, gehen jedoch bald auf die
spätestens im 14. Jahrhundert auf dem Marktplatz errichtete
Walpurgiskirche über. Diese wird im Jahre 1367 bei der Bestätigung der
Frühmeßpfründe als "neue Kirche" erstmals erwähnt. Eine weitere Kirche,
die St. Andreas- Kapelle, gab es im Burgbereich. Gegen Ende des 14.
Jahrhunderts entstand als bürgerliche Stiftung vor den Toren der Stadt an
der Straße nach Haselünne, also an der Flämischen Straße, das St.-
Antonius- Gasthaus. Es diente der Versorgung Armer und Kranker und besaß
ebenfalls eine Kapelle.
Die städtische Entwicklung Lingens im 14. Jahrhundert ist eingebettet
in die Auseinandersetzungen zwischen den Grafen von Tecklenburg und ihren
geistlichen Nachbarn, den Fürstbischöfen von Osnabrück und Münster, um den
Ausbau ihrer Territorien. Dabei wurden gegen Ende des Jahrhunderts Burg
und Stadt Lingen innerhalb weniger Jahre zweimal erobert. Eine Reminiszenz
an diese bewegte Zeit ist das Kivelingsfest, das die Lingener Jugend seit
Jahrhunderten feiert. Es wird auf eine Belagerung der Stadt im Jahre 1372
zurückgeführt.

Die Belagerung der Stadt Lingen durch Spinola im Jahre 1605
Damals seien, als Not am Mann war, die ledigen Bürgersöhne zur
Verteidigung der Stadt aufgeboten worden. Zusammen mit den Burgmannen
hätten sie erfolgreich den Feind abgewehrt. Doch die Tapferkeit der
Lingener Bürger konnte das Blatt nicht wenden. Die Grafen von Tecklenburg
mußten sich schließlich nach jahrzehntelangem Kampf geschlagen geben und
verloren im Jahre 1400 den größten Teil ihrer Besitzungen.
Lingen, das lange Zeit am Rande des tecklenburgischen Machtbereichs
gelegen hatte, erfuhr durch den Frieden von 1400 eine starke Aufwertung.
Der Kontroll- und Stützpunkt an der Ems war die einzige Stadt von
Bedeutung in dem geschrumpften Territorium. Graf Nikolaus II. trug dem
auch sogleich Rechnung. Am 2. Februar 1401 bestätigte er der Stadt Lingen
all jene Privilegien, die bereits seine Vorfahren der Bürgerschaft
verliehen hatten. Ein Jahr später überschrieb er seiner Frau die Burg
Lingen als Witwensitz. Der gräfliche Hof hielt sich fortan des öfteren in
Lingen auf, was den Ausbau der Burg zu einer Nebenresidenz förderte.

Seminarium und Lateinschule 1694
Über die Bevölkerungsstruktur und die wirtschaftlichen Verhältnisse im
spätmittelalterlichen Lingen sind mangels Quellen nur vage Angaben
möglich. Die Stadt zählte ca. 100 bürgerliche Häuser. Die Einwohnerschaft
setzte sich aus der Geistlichkeit, den Burgmannen, Händlern und
Handwerkern sowie einer nicht geringen Zahl Landwirtschaft treibender
Haushalte zusammen. Gildebriefe der Handwerker sind erst vom Ende des 16.
Jahrhunderts überliefert, doch darf von Zusammenschlüssen der für die
unmittelbare Versorgung notwendigen Handwerke ausgegangen werden. Durch
die Verlegung der Friesischen Straße auf das linke Emsufer lief der
Fernhandel überwiegend an Lingen vorbei. Der Lingener Markt schrumpfte zum
Nahmarkt.
Im Spätmittelalter floß die Ems so nahe an Lingen vorbei, daß bei
Überschwemmungen Gefahr für die Stadt zu befürchten war. Im letzten
Drittel des 15. Jahrhunderts wurde deshalb oberhalb von Lingen ein
Durchstich gegraben, so daß sich die Ems weiter westlich in größerer
Entfernung von der Stadt ein neues Bett suchte.
Infolge von Familienstreitigkeiten kam es gegen Ende des 15.
Jahrhunderts zu einer Teilung der Grafschaft Tecklenburg. Graf Nikolaus
IV. residierte ab 1498 zusammen mit seiner Mutter auf der Burg in Lingen.
Eine unruhige Zeit begann. Da Graf Nikolaus den Rückgang des Handels in
der Stadt durch Überfälle auf Kaufleute in den benachbarten Territorien
auszugleichen suchte, eroberte der Bischof von Münster 1518 Stadt und Burg
Lingen und hielt das Land ein Jahr lang besetzt. Der geflohene Graf
Nikolaus fand zunächst Unterstützung bei Herzog Johann von Kleve. 1526
trug er Herzog Karl von Geldern sein Land als Lehen sowie Stadt und Burg
Lingen als "offenes Haus" auf.

Lingen, Marktplatz
Mit dem Tode Graf Nikolaus IV. im Jahre 1541 endete Lingens Zeit als
Residenzstadt. Unter seinem Nachfolger Graf Konrad I. wurden die
verschiedenen Teile der Grafschaft Tecklenburg wieder in einer Hand
vereinigt. Der neue Landesherr führte in Lingen das lutherische Bekenntnis
ein und verwandte große Mühe und Anstrengungen auf den Ausbau der
Befestigungslagen. Der Marktplatz der Stadt erhielt unter ihm seine
heutige Form. Die Walpurgiskirche und mehrere Burgmannshöfe wurden
eingelegt, um das Schußfeld vor der Burg zu verbessern.
Doch die Herrschaft Graf Konrads über Lingen war nur von kurzer Dauer.
Da er sich dem Schmalkaldischen Bund angeschlossen und damit gegen Kaiser
Karl V. gestellt hatte, wurden Stadt und Burg Lingen Anfang des Jahres
1547 von kaiserlichen Truppen erobert. Lingen und weitere 13 Kirchspiele
wurden von der Grafschaft Tecklenburg abgetrennt und gingen in den Besitz
des kaiserlichen Heerführers Maximilian Graf von Büren über. Sie bildeten
fortan die Herrschaft oder Grafschaft Lingen. Im Jahre 1548 wurde Lingen
von einem Stadtbrand heimgesucht, dem auch das Rathaus und die ältere
schriftliche Überlieferung zum Opfer fielen.
Mit dem Übergang Lingens an Maximilian Graf von Büren hatte die
unruhigste Epoche in der Geschichte Lingens begonnen. In den folgenden
drei Jahrhunderten wechselte die Stadt mehr als zehn Mal die
Landesherrschaft. Zunächst gehörte Lingen zum Königreich Spanien, später
zu den Vereinigten Niederlanden; kurze Zeit hatte es auch der Bischof von
Münster in Besitz (1672 - 1674). Im 18. Jahrhundert war der König von
Preußen Landesherr über Lingen. Im 19. Jahrhundert wechselten sich
Frankreich, Preußen und das Königreich Hannover in der Herrschaft ab.
Mehrfach war mit dem Wechsel des Landesherrn auch ein Konfessionswechsel
verbunden.

Lingen, Marienstraße, Blick auf den Markt
Graf Maximilians Erbtochter Anna verkaufte im Jahre 1551, bevor sie
sich mit dem Prinzen Wilhelm von Oranien verheiratete, die Herrschaft
Lingen für120.000 Goldgulden an Kaiser Karl V. Dieser gliederte das neu
erworbene Land seinen burgundischen Besitzungen in den Niederlanden ein.
Mit Lingen besaß der Kaiser einen Wachtposten an der Ems und zugleich
einen wichtigen Ausgangspunkt für politische, militärische und
wirtschaftliche Aktivitäten in Nordwestdeutschland.
Als Karl V. im Jahre 1555 abdankte und die habsburgischen Länder an
seine Söhne aufteilte, fielen die Niederlande und damit auch die Stadt
Lingen an König Philipp II. von Spanien. Die Stadt an der Ems war damit
zum östlichen Außenposten des spanischen Weltreiches geworden. Für
eineinhalb Jahrhunderte schied sie faktisch aus dem Deutschen Reich aus
und teilte das Schicksal der Niederlande.
Im spanisch- niederländischen Krieg (1568-1648) war Lingen lange Zeit
heiß umkämpft und wechselte mehrfach den Besitzer. Für beide Parteien war
es ein wichtiger Brückenkopf bei der Eroberung der östlichen Niederlande.
Stadt und Burg Lingen wurden ein halbes Jahrhundert lang nach den
neuesten, mehrfach sich ändernden Konzeptionen der Belagerungskunst zu
einer der bedeutendsten Festungen in Nordwestdeutschland ausgebaut. Der
Eroberung durch die Niederländer im Jahre 1597 folgte 1605 die
Rückeroberung durch die Spanier. Mehrere Jahrzehnte lang lag in der Stadt
eine starke Garnison. Zeitweise waren es über 2.000 Soldaten, die in der
etwa 1.200 Einwohner und 180 Häuser zählenden Stadt einquartiert
waren.

Lingen, unter den Linden
Als sich das Kriegsgeschehen mehr in den Süden verlagerte und Lingen
dadurch zunehmend an strategischer Bedeutung verlor, stimmte die spanische
Regierung in Brüssel 1632 der Neutralisierung Lingens zu. Die Festung
wurde innerhalb weniger Monate geschleift, und Anfang 1633 ging Lingen in
den Besitz des Prinzen von Oranien über. Von den Wirren des
Dreißigjährigen Krieges blieb die Stadt fortan weitgehend
verschont.
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Die Zeit der oranischen Herrschaft über Lingen dauerte etwa sieben Jahrzehnte.
Sie bedeutete für die Stadt eine Zeit des wirtschaftlichen Aufschwungs und
eines regen Austausches mit den benachbarten niederländischen Provinzen.
Zeugnisse dieser Epoche sind eine Reihe repräsentativer, teilweise heute noch
das Stadtbild prägender Bauten, die damals von Lingener Bürgern oder
landesherrlichen Beamten errichtet wurden.
Weniger Erfolg hatten die oranischen Landesherren mit ihrer
Religionspolitik. Ihr Versuch, die mehrheitlich katholische Bevölkerung
der Stadt auf dem Verordnungsweg und durch obrigkeitliche Zwangsmaßnahmen
dem reformierten Bekenntnis zuzuführen, scheiterte. Doch mit den dabei
geschaffenen Bildungseinrichtungen setzten sie wichtige Akzente für die
weitere Entwicklung Lingens. Die bereits vorhandene Lateinschule wurde auf
vier Klassen erweitert und für sie in den Jahren 1678-1680 ein geräumiges
Schulgebäude mit entsprechenden Klassenräumen und einem großen Auditonum
geschaffen. Der besseren Unterbringung von Lehrern und Schülern diente das
1684/85 erbaute Seminarium. 1697 wurde schließlich das Gymnasium
academicum feierlich eröffnet. Die Lingener ,,Universität" entsprach dem
Typ einer reformierten Hohen Schule mit vier Fakultäten, aber ohne
Promotionsrecht. Lingen hatte dadurch ein Bildungssystem in seinen Mauern,
mit dem es die meisten Städte vergleichbarer Größe weit übertraf. Die
wirtschaftliche Situation der Bürger besserte sich vor allem durch die
Universität merklich.

Lingen, Lookenstraße
Nach dem Tod des kinderlosen Prinzen Wilhelm III. von Oranien fiel
Lingen an den König von Preußen. Die Stadt an der Ems wurde
Verwaltungsmittelpunkt für die seit 1707 wiedervereinigten Grafschaften
Lingen und Tecklenburg.
Der Wechsel der Landesherrschaft bedeutete zwar ein Ende der
politischen, jedoch keineswegs der wirtschaftlichen und kulturellen
Verbindungen zu den Niederlanden. Noch längere Zeit war Niederländisch in
Kirche und Schule, aber auch im Alltag die vorherrschende Sprache. Die
Studenten der Universität, teilweise auch die Professoren kamen zunächst
weiterhin überwiegend aus den Niederlanden. Umgekehrt wanderten zahlreiche
junge Lingener in das wirtschaftlich besser entwickelte Nachbarland aus
und ließen sich dort nieder. In den Heiratsregistern der Stadt Amsterdam
sind z.B. in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts insgesamt 325 Männer
und 478 Frauen aus Lingen als Ehepartner verzeichnet. Der holländische
Gulden war die in Lingen gängige Währung. In den Sommer- und Herbstmonaten
passierten täglich bisweilen 1.000 und mehr Saisonarbeiter, sogenannte
Hollandgänger, den Emsübergang bei Lingen. Sie kamen aus ganz
Nordwestdeutschland und verdienten als Saisonarbeiter in den Niederlanden
ihren Lebensunterhalt.
Auf konfessionellem Gebiet brachte die preußische Toleranzpolitik einen
allmählichen Wandel. 1717 wurde den Katholiken der Gottesdienst in
Privathäusern gestattet, woraufhin sie noch im gleichen Jahr an der
Burgstraße eine einfache Kirche ohne Turm bauten. Die Zeit, in der sie für
ihre religiösen Verrichtungen in das benachbarte zum Fürstbistum Münster
gehörende Darme ausweichen mußten, hatte ein Ende. Die 1728 gegründete
lutherische Kirchengemeinde, zu der vor allem Beamte zählten, konnte 1737
ihre neben der Lateinschule neu erbaute Kirche einweihen. Seit dem Ende
des 17. Jahrhunderts hatte ein jüdischer Haushalt Wohnrecht in Lingen. Als
Begräbnisplatz der Juden in der Grafschaft Lingen diente der sogenannte
Judenberg, eine Sanddüne in der Nähe des christlichen Friedhofs.

Lingen, der alte Hafen mit Packhaus
Die Bevölkerung Lingens wuchs im 18. Jahrhundert nur geringfügig. Im
Jahre 1720 hatte die Stadt 1.721 Einwohner, 1803 gegen Ende der
preußischen Zeit wurden 1.775 Bewohner gezählt. Die wirtschaftlichen
Grundlagen der Stadt waren der Durchgangsverkehr und die Universität,
Handel und Handwerk sowie in geringerem Umfang auch die Landwirtschaft.
1720 dominierten bei den Gewerben die Weber (39 Haushalte) sowie die
Brauer und Gastwirte (23 Haushalte). Der Handel mit landwirtschaftlichen
Produkten nahm zu. Gegen Ende des 18. Jahrhunderts fanden jährlich acht
Vieh- und Krammärkte in Lingen statt.
Nach den Napoleonischen Kriegen wurde Lingen 1815 dem Königreich
Hannover zugeschlagen. An der stagnierenden Entwicklung der Stadt änderte
sich zunächst wenig. Die Universität wurde 1819 aufgehoben; an ihre Stelle
trat 1820 ein Humanistisches Gymnasium. Von 1834 - 1837 war Lingen
Garnisonstadt. Die neu erbauten, schon bald längere Zeit leerstehenden
Kasernen wurden ab 1854 als Frauengefängnis genutzt. Der Ausbau der
Chausseen zu Beginn des 19. Jahrhunderts bestätigte zwar Lingens Rolle als
Knotenpunkt überregionaler Verkehrswege, brachte jedoch ebenso wenig neue
Impulse wie der Bau des hannoverschen Emskanals (1820 - 1829), der Lingen
über Meppen mit dem Seehafen Emden verbinden sollte. Ein Zeitgenosse
schrieb, daß Lingen eine Kaserne ohne Soldaten und einen Hafen ohne
Schiffe habe.
Im konfessionellen Bereich brachte der Übergang an das Königreich
Hannover 1822 die Gleichstellung der Katholiken mit den bisher
bevorrechtigten Reformierten und Lutheranern. Neben der baufälligen
Scheunenkirche entstand 1833 - 1836 nach den Plänen des Architekten
Niehaus die neue katholische Stadtpfarrkirche St. Bonifatius. Die Zahl der
jüdischen Familien nahm seit Beginn des 19. Jahrhunderts langsam aber
stetig zu. 1869 wurde die Synagogengemeinde Lingen errichtet, 1878 die neu
erbaute Synagoge eingeweiht.

Lingen, Kirchstraße und Große Straße
Der entscheidende Impuls im wirtschaftlichen Bereich war der Anschluß
Lingens an das überregionale Eisenbahnnetz im Jahre 1856. Zwar kam der
wichtige Eisenbahnknotenpunkt ins benachbarte Rheine, doch erhielt Lingen
als Ausgleich eine Eisenbahnwerkstätte. Sie wurde durch mehrfache
Erweiterung zum bedeutendsten Industriebetrieb in Lingen. Bis zum Ende des
19. Jahrhunderts stieg die Belegschaft auf über 1.000 Beschäftigte.
Zeitweilig lebte jeder dritte Lingener vom Ausbesserungswerk, wie der
Betrieb später genannt wurde.
Der wirtschaftliche Aufschwung, den Lingen seit der Mitte des 19.
Jahrhunderts erlebte, spiegelt sich deutlich in den Einwohnerzahlen
wieder. Während die Bevölkerung der Stadt von 1803 bis 1848 lediglich auf
2.736 Einwohner wuchs, waren es im Jahre 1900 bereits 7.048 Einwohner.
1920 hatte Lingen 11.000 Einwohner.
Der von externen Faktoren ausgelöste Wachstumsschub führte zu
tiefgreifenden Veränderungen der Gestalt und Infrastruktur der Stadt. Neue
Schulen mußten gebaut, soziale Einrichtungen geschaffen werden (1855
Gründung und 1891 Erweiterung des Bonifatius-Hospitals). Für die
Stadtverwaltung wurde 1873 am Marktplatz ein neues Dienstgebäude
angekauft, die ersten öffentlichen Versorgungseinrichtungen entstanden
(1861 Gaswerk, 1891 Beginn der Kanalisation, 1892 Städtischer Schlachthof,
1908 Wasserwerk). Die Wohnbebauung, die sich bislang überwiegend auf den
Bereich innerhalb des alten Stadtgrabens beschränkt hatte, griff längs der
Ausfallstraßen und östlich der Stadt weit in das Umland hinein.

St. Bonifatius- Hospital
Neben dem Ausbesserungswerk konnte sich im 19. Jahrhundert in Lingen
kein weiteres großes Unternehmen entwickeln. Es entstanden jedoch mehrere
kleinere verarbeitende Betriebe, die zusammen mit dem prosperierenden
Handwerk und den verschiedenen staatlichen Behörden für zahlreiche
Arbeitsplätze sorgten. Die Kreisstadt Lingen wurde zum wirtschaftlichen
Zentrum des gesamten Emslandes. Uberregionale Bedeutung erlangte der
Lingener Viehmarkt, auf dem sich in vierzehntägigem Turnus Viehhändler aus
ganz Norddeutschland und Westfalen einfanden.
Die Jahre nach dem 1. Weltkrieg markieren einen deutlichen Einschnitt
in der wirtschaftlichen Aufwärtsentwicklung der Stadt. Die Zahl der
Arbeitslosen war hoch, da es im Ausbesserungswerk mehrfach zu
Massenentlassungen kam. Durch genossenschaftlichen Wohnungsbau versuchten
die Stadtväter, die Wohnungsnot und die Arbeitslosigkeit zu lindern. Am 1.
Juli 1927 wurde Lingen von einem Wirbelsturm heimgesucht, der innerhalb
weniger Minuten großen Schaden anrichtete. Eine etwa 100 m breite Schneise
der Verwüstung zog sich quer durch die Stadt.
Lingen war in der Weimarer Zeit die einzige Stadt im Emsland, in der
die Arbeiterbewegung eine feste Basis hatte. SPD und KPD errangen bei den
Kommunalwahlen stets achtbare Erfolge, konnten die solide Zentrumsmehrheit
jedoch nicht gefährden. Die NSDAP blieb auch im März 1933 weit unter dem
Reichsdurchschnitt.

Nach dem großen Wirbelsturm
Nach der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten wurde ein 25 jähriger
Medizinstudent zum Oberhaupt der Stadt ernannt. Lingen hatte damals den
jüngsten Bürgermeister in ganz Deutschland. 1934 wurde Lingen wieder Garnisonstadt;
zwischen Ems und Kanal entstanden im Stadtteil Reuschberge ausgedehnte
Kasernenanlagen, die 1935 bezogen wurden. 1936 und 1937 errang der Lingener
Autorennfahrer Bernd Rosemeyer seine größten Erfolge. Beim Versuch, seine im
Vorjahr aufgestellten Weltrekorde zu verbessern, verunglückte er am 28. Januar
1938 tödlich. In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 fiel die Lingener
Synagoge der nationalsozialistischen Zerstörungswut zum Opfer.
Von den Auswirkungen des alliierten Luftkriegs blieb Lingen lange Zeit
weitgehend verschont. Größere Schäden richteten die Angriffe am 21. Februar
und 21. November 1944 an. Über 60 Bewohner der Stadt wurden dabei getötet.
Anfang April 1945 setzten sich Wehrmachtseinheiten in Lingen fest, um die
alliierten Truppen an der Überquerung von Ems und Dortmund- Ems- Kanal zu
hindern. In der drei Tage lang heftig umkämpften Stadt wurden zahlreiche
Gebäude stark beschädigt. 118 deutsche Soldaten und 27 Zivilpersonen fanden
den Tod.
In den ersten Nachkriegsjahren war die Beseitigung der Wohnungsnot das
größte Problem. Im Norden und Westen der Stadt entstanden neue Siedlungen.
Allein in den Jahren 1948 - 1954 wurden 1.600 Wohnungseinheiten erstellt.
Die Zahl der Einwohner stieg innerhalb von zwei Jahrzehnten fast auf das
Doppelte (1945:13.632 Einw., 1965: 26.442 Einw.). Der Ausbau der
städtischen Infrastruktur konnte mit dieser Entwicklung kaum Schritt halten.
Nur mit Verzögerung und unter großen Schwierigkeiten konnten die
erforderlichen Schulen, Straßen und öffentlichen Versorgungseinrichtungen
gebaut werden, da die Steuerkraft der Stadt zu gering war.

Lingen, Partie am Markt mit Rathaus
Dabei hatte die wirtschaftliche Entwicklung durchaus vielversprechend begonnen.
Bereits nach kurzer Zeit wurden im Eisenbahn- Ausbesserungswerk die
Beschäftigtenzahlen der Vorkriegsjahre wieder erreicht. 1948 ließ sich die
Deutsche Schachtbau- und Tiefbohrgesellschaft, eine Tochter der Salzgitter AG,
in Lingen nieder. Mehrere mittelständische Betriebe wurden neu gegründet und
erlebten eine rasche Aufwärtsentwicklung. 1956 zog die Bundeswehr in die ehemaligen
Wehrmachtskasernen ein, Lingen war wieder Garnisonstadt.
Doch der wirtschaftliche Aufschwung hielt nicht an. Er stieß schon bald in
dem nur 1.195 ha großen Stadtgebiet - im wörtlichen Sinn - an seine Grenzen.
Da Gewerbeflächen fehlten, wanderten mehrere expandierende Betriebe in
Umlandgemeinden ab. Die neue Erdölraffinerie Emsland entstand vor den Toren
der Stadt im benachbarten Holthausen (Produktionsbeginn 1954). Hinzu kam,
daß seit Beginn der fünfziger Jahre im Eisenbahn- Ausbesserungswerk die
Belegschaft kontinuierlich verringert wurde.
Einen Ausweg aus dieser prekären Situation brachte der freiwillige
Zusammenschluß mehrerer Umlandgemeinden mit der Stadt Lingen im Jahre 1969
sowie weitere Eingemeindungen im Rahmen der Gebietsreform von 1974. Das
Stadtgebiet umfaßte nun eine Fläche von 15.836 ha mit 46.607 Einwohnern.
Außerdem kam die Stadt als Bundesausbauort in den Genuß erheblicher
Fördermittel. Zwar ging bei der Kreisreform 1977 der Kreissitz verloren,
doch wurde Lingen als Ersatz der Status einer "Großen selbständigen Stadt"
zuerkannt.
Die kommunale Neugliederung des Raumes Lingen und die Wirtschaftsförderung
durch Land und Bund waren die Initialzündung zu einer deutlichen und
nachhaltigen Verbesserung der finanziellen Situation der Stadt. Ausgedehnte
Industrie- und Gewerbegebiete konnten ausgewiesen werden. Durch die
Neuansiedlung von Betrieben entstanden zahlreiche neue Arbeitsplätze. Vor
allem im Energiebereich erlangte Lingen überregionale Bedeutung. Als Nachfolger
des 1968 bis 1979 betriebenen Kernkraftwerks Lingen entstanden seit den 70er
Jahren drei Kraftwerksblöcke auf Erdgasbasis und das Kernkraftwerk Emsland,
das 1988 ans Netz ging.
Dank der enormen Steigerung der Finanzkraft der Stadt konnten nun erhebliche
Mittel zur Verbesserung der Infrastruktur eingesetzt werden. Im Vordergrund
standen dabei die bislang zu kurz gekommenen Bereiche Stadtsanierung und
Kultur, Sport und Freizeit. Lingens Innenstadt gewann unübersehbar an
Attraktivität, der Erlebnis- und Freizeitwert der Stadt nahm deutlich zu.
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