|
In der Höhe der Raststätte "Laxter Sand", wo auf
einem Abschnitt von rund sechs Kilometern Länge die Bundesstraßen B70
und B213 parallel verlaufen und mit dem Endpunkt der B214 zusammentreffen,
bildet eine Kreuzenspunkt wichtiger Fernstraßen.
Die vielbefahrenen Bundesstraßen mit dem Schnittpunkt Lingen haben
alle drei eine lange, zum Teil jahrhundertealte Tradition. Die B 213
folgt in ihrer Trassenführung einem wichtigen mittelalterlichen Handelsweg,
der sogenannten "Flämischen Straße" von Flandern über Deventer- Lingen-
Cloppenburg- Wildeshausen nach Bremen und Hamburg. Die B 70 verläuft
parallel zur uralten "Friesischen Straße" von Westfalen über Münster-
Rheine- Lingen- Meppen zu den Seehäfen im Emsmündungsraum.
Die B 214 von Braunschweig über Celle- Nienburg- Diepholz- Fürstenau
nach Lingen folgt schließlich einem Fernstraßenprojekt des vorigen
Jahrhunderts als Verbindung zwischen den Hannoverschen Kernlanden im
östlichen Niedersachsen und dem 1815 hinzugewonnenen "Hannoverschen
Emsland" mit dem Verwaltungszentrum Lingen.
Lingen verdankt seine Entstehung und seine weitere Entwicklung der
günstigen verkehrsgeographischen Lage am Kreuzungspunkt der "Friesischen
Straße" und der "Flämischen Straße." Über Jahrhunderte wurde die
wirtschaftliche Entwicklung der Stadt vom Handelsverkehr auf diesen
Verkehrsachsen bestimmt.
Wichtigstes Verkehrsmittel in der Nord- Süd- Richtung war im
Mittelalter jedoch nicht der von Pferden gezogene Kaufmannswagen, sondern
die "Emspünte", ein flaches Flußschiff, das auch bei dem häufig sehr
niedrigen Wasserstand der Ems problemlos verkehren konnte. Massengüter
wie Getreide, Holz oder Baustoffe ließen sich flußabwärts bequem
transportieren und waren in Ostfriesland begehrtes Handelsgut. In der
Gegenrichtung kamen Kähne mit Fisch, Butter, Fellen und Salz, aber auch
mit Importgütern aus dem Nord- und Ostseeraum. Sie mußten flußaufwärts
gezogen ("getreidelt") oder gesegelt werden. Dieser Schiffsverkehr
bereitete mancherlei Probleme und war - vor allem stromaufwärts - auch
sehr langsam. Und da auch im Mittelalter Zeit schon Geld war, entstand
parallel zur Ems bald auch eine Landstraße, eben jene friesische Straße.
Traditionelles Wasserfahrzeug auf der Ems und den Emskanälen
war einst die "Pünte", ein flacher Holzkahn, der von Pferden gezogen
wurde. Ansichtskarte um 1900.
In welchem Zustand sich solche mittelalterlichen Straßen - zumal bei
schlechter Witterung - befanden, vermag sich der Benutzer heutiger
Asphaltstraßen kaum mehr vorzustellen. Eine befestigte Fahrbahn gab es
nicht, und bei Regen verwandelte sich die Landstraße in eine Schlammwüste.
Durch das Ausweichen vor Schlaglöchern und Pfützen bildeten sich breit
ausgefahrene Trassen mit zahlreichen parallelen Fahrspuren, die einen
ordentlichen Unterhalt der Strecken erschwerten und verteuerten. Hinzu
kamen Auseinandersetzungen mit den anliegenden Grundstückseignern, deren
Felder, Wiesen und Holzungen immer wieder durch wildes Befahren beschädigt
und beschnitten wurden. Der Ausbau der unbefestigten Fahrwege zu
ausgebauten "Chausseen" erfolgte im Emsland erst im Laufe des 19.
Jahrhunderts. Von den Schwierigkeiten des Landverkehrs profitierte aber
nicht zuletzt die Stadt Lingen mit ihren Gasthöfen, Herbergen und
Fuhrgeschäften sowie den Handwerksbetrieben der Stellmacher, Schmiede usw.
Die "Friesische Straße" kreuzte in Lingen die "Flämische Straße",
deren Route außer für den Fuhrbetrieb auch für den Ochsenhandel von
Norddeutschland in die Niederlande und in das Rheinland genutzt wurde.
Eine wichtige Etappe im Zuge dieser Straße bildete das "Lingener Fähr",
die Emsfähre zwischen Lingen und Schepsdorf. An diesem Treffpunkt des
überregionalen Handelsverkehrs konnte man nicht nur trockenen Fußes mit
"Sack und Pack" die Ems überqueren, sondern auch Neuigkeiten austauschen,
Handelskontakte knüpfen und Geschäfte abwickeln.
Weniger angenehm war der Personen- und Warenzoll, den der Lingener
Landesherr an der Fähre von allen passierenden Fußgängern, Reitern,
Fuhrwerken und Wasserfahrzeugen entsprechend einer umfangreichen
Tarifordnung erhob. Auch für die Benutzung der Fähre mußte nach einer
bestimmten Staffelung bezahlt werden. Der Tarif richtete sich aber
zusätzlich noch nach dem Wasserstand der Ems, denn bei hohem Wasserspiegel
war die Ems breiter und somit der Weg für den Fährmann weiter! Bei
Dunkelheit, bei extremem Hochwasser und starker Strömung sowie bei
gefährlichem Eisgang ruhte der Fährverkehr ganz. Dies führte zu
Wartezeiten und längeren Aufenthalten auf Lingener bzw. auf Schepsdorfer
Seite, von denen die örtlichen Gastwirte durchaus profitierten.
|
|
Neben Gütern und Personen wurden auf den Landstraßen
auch Nachrichten aller Art transportiert, denn wichtige Handelsstraßen
waren meistens auch wichtige Postrouten. Schon damals hatte man erkannt,
daß ein gut funktionierendes Kommunikationssystem lange Wartezeiten und
beschwerlicheReisen ersparen konnte. Nachweisbar ab 1618 führte die
"Hamburg-,Amsterdamer- Post", eine private Postgesellschaft reicher
Kaufleute aus Hamburg und Amsterdam, über Lingen, das genau auf halber
Strecke zwischen beiden Städten liegt. Deshalb unterhielt diese
Postgesellschaft in Lingen eine eigene Poststation, in der die Postreiter
ihr Pferde wechseln und die Postsäcke austauschen konnten. Über die Lingener
Poststation hatten auch Ostfriesland (über die Route Meppen-
Aschendorf- Leer) und Preußen (über Ibbenbüren- Bielefeld- Minden)
Anschluß an die Hamburg- Amsterdamer Postlinie. Nicht zuletzt die neuesten
Nachrichten über die Amsterdamer Marktpreise und Börsenkurse waren im
17. und 18. Jahrhundert für alle Kaufleute in Norddeutschland von großer
Bedeutung. Ein Brief aus Amsterdam erreichte Lingen im 18. Jahrhundert in
nur 25 Stunden - für die damaligen Wegeverhältnisse eine sagenhafte
Leistung der Postreiter. In keiner anderen deutschen Stadt wurden damals
die Meldungen aus Amsterdam so rasch bekannt wie in Lingen, was den
hiesigen Kaufleuten wohl mancherlei Vorteile verschafft haben dürfte.
Noch zuverlässiger wurde diese Postlinie, als 1824 im Zuge des Ausbaus
der Landstraße von Lingen über Lohne nach Nordhorn die Lingener Fähre
durch eine erste hölzerne Brücke über die Ems ersetzt wurde. Für den
überregionalen Verkehrsfluß blieb dieser Straßenausbau hingegen ohne
große Folgen, denn mit der Entstehung der Nationalstaaten und der Bildung
nationaler Wirtschaftssysteme ging der für Lingen so bedeutende Handel
mit den Niederlanden auf der "Flämischen Straße" merklich zurück.
An Bedeutung gewannen im 19.
Jahrhundert im Emsland die Nord- Süd- Verbindungen über Lingen. Zunächst
erfolgte ab 1820 der Ausbau der stark verlandeten Ems zwischen Rheine und
Meppen. Der Oberlauf der Ems zwischen Rheine und Lingen wurde durch
Stauwerke und Schleusen befahrbar gemacht, während auf der Strecke
Lingen- Meppen ein Seitenkanal parallel zur Ems entstand. Der Schiffsverkehr
auf diesem Kanal erreichte allerdings längst nicht den erhofften Umfang,
selbst nicht, nachdem er 1873 durch den Ems- Vechte- Kanal Anschluß an die
Grafschaft Bentheim und das niederländische Kanalsystem erhalten hatte.
Einen enormen Aufschwung nahm der Schiffsverkehr in Lingen erst mit der
Eröffnung des Dortmund- Ems- Kanals im Jahre 1899. Er diente vor allem dem
Transport von Massengütern (wie Kohle und Erzen) zwischen dem Ruhrgebiet
und dem deutschen Seehafen Emden und erlaubte so auch eine Umgehung der
niederländischen Seehäfen im Gebiet der Rheinmündung.
Der 1899 eröffnete Dortmund- Ems- Kanal war auch für größere
Schiffe geeignet.
Als völlig neuer Verkehrsträger entstand im 19. Jahrhundert die
Eisenbahn, die sich innerhalb weniger Jahrzehnte zum wichtigsten
Transportmittel des Industriezeitalters entwickelte. Im Zuge des Baues
der "Hannoverschen Westbahn" von Hannover über Osnabrück- Rheine- Lingen
nach Emden erhielt Lingen bereits 1856 einen Bahnanschluß. Wenn auch
nicht Lingen, sondern das benachbarte Rheine zum Kreuzungspunkt mit den
Anschlußstrecken in Richtung Ruhrgebiet und Niederlande ausgebaut wurde,
so nahm die Eisenbahn doch entscheidenden Einfluß auf die weitere
industrielle Entwicklung der Stadt Lingen. Etwa auf halber Strecke der
"Westbahn" zwischen Emden und Hannover gelegen, wurde Lingen zum Standort
der "königlichen hannoverschen Eisenbahn- Reparaturwerkstätte", die bis
zur Jahrhundertwende zum "Eisenbahn- Ausbesserungs- Werk" Lingen mit
zeitweise etwa 2.000 Beschäftigten expandierte. Über viele Jahrzehnte
blieb dieser verkehrstechnische Betrieb in Lingen der einzige größere
industrielle Arbeitgeber in einem weitgehend agrarisch und kleingewerblich
strukturierten Umfeld.
Im Zeitalter der "Dampfrösser" wurde das Eisenbahn- Ausbesserungswerk
Lingen zum größten Arbeitgeber der Region Lingen.
Da weite Teile des Emslandes und auch die Niedergrafschaft Bentheim
noch lange ohne eigenen Eisenbahnanschluß blieben, entwickelte sich Lingen
ab 1856 rasch zum zentralen Verladebahnhof für ein ausgedehntes Gebiet von
der niederländischen Grenze im Westen bis zum Osnabrücker Land im Osten.
Handel und Gewerbe in der Stadt nahmen hierdurch einen allmählichen
Aufschwung. Neben zahlreichen Landhandelsgeschäften entstand hier - nicht
zuletzt dank der günstigen Verlademöglichkeiten per Bahn - auch der
bekannte Lingener Viehmarkt, der seine Stellung als größter Nutzviehmarkt
Nordwestdeutschlands bis heute behaupten konnte.
Einen interessanten Schnittpunkt von Straße, Eisenbahn, Ems
und Kanälen bildet Hanekenfähr bei Lingen.
|